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04.04.2007 – Hamburger Abendblatt
Neues Stadtteilprogramm

„Es zählen nicht nur glänzende Neubauten“
Das Quartier wird mit insgesamt 1,65 Millionen Euro im Rahmen des neuen Stadtteilprogramms gefördert. Vor allem Kinder und Jugendliche profitieren.

Er hat in diesen Wochen besonders viel um die Ohren: Axel Gedaschko (CDU), Hamburgs neuer Senator für Umwelt und Stadtentwicklung. Das ehrgeizige Klimaschutz-Programm, explodierende Kosten bei großen Bauprojekten wie der Ortsumgehung Finkenwerder sowie der U4 in die HafenCity – und die Hauptverantwortung für die fast 100 Millionen Euro schwere Sozial-Initiative „Lebenswerte Stadt“, mit der sich der CDU-Senat die Wiederwahl sichern will. Bis zur Bürgerschaftswahl am 24. Februar nächsten Jahres sollen in sechs ausgewählten sozial schwierigen Quartieren Verbesserungen der Lebensqualität speziell für junge Familien spürbar sein. Neben der Senkung der Schülerzahl in den Klassen (Bildungsoffensive) stehen zahlreiche Kultur- und Sportprojekte im Mittelpunkt der Anstrengungen des ambitionierten Projekts, das das Umkippen von Stadtteilen verhindern soll.

Als Leiter der übergreifenden Lenkungsgruppe laufen bei Gedaschko die Fäden zwischen Bezirksämtern und Behörden zusammen. Wie aber funktioniert die Arbeit vor Ort? Was passiert mit dem Geld, das für die Initiativen bereitgestellt wurde? Können sie den Zusammenhalt gerade der jungen Menschen und der Familien in den Problemstadtteilen wirklich stärken?

Im Projektgebiet Altona-Altstadt hat sich Gedaschko selbst ein Bild vom Fortgang des Programms „Lebenswerte Stadt“ gemacht – und traf bei seinem Rundgang durch das Quartier auf Kinder und Jugendliche, die konkrete Vorstellungen davon haben, was mit dem unverhofften Geldsegen passieren soll, und die die neuen Angebote mit Begeisterung nutzen.

Für Altona-Altstadt sind insgesamt 1,65 Millionen Euro reserviert. Das Geld fließt erst, wenn – bis ins Detail - tragfähige Konzepte präsentiert werden. Gedaschkos Lenkungsgruppe hat das Quartier wegen seines Ausländeranteils von 25,9 Prozent und der hohen Arbeitslosigkeit unter jungen Erwachsenen (bis zu 14 Prozent) im vergangenen Jahr zur Förderung ausgewählt.

Erste Station des Senators: der Sportplatz an der Grundschule Thadenstraße. Mit 450 000 Euro soll das heruntergekommene Areal aufgemöbelt werden, das – obwohl im Herzen des Quartiers – in den vergangenen Jahren kaum noch genutzt wurde. Gedaschko ist mit Schülern der Klasse 3 b verabredet, die im Unterricht Vorschläge zur Neugestaltung gesammelt haben. Nicht bloß eine Beschäftigungstherapie: „Wir wollen möglichst wenige Vorgaben machen, schließlich sind es ja die Kinder, die hier ihre Nachmittage verbringen“, erklärt Koordinatorin Jonna Schmoock vom Bezirksamt Altona das Beteiligungsverfahren. Während die Jungs (Begrüßung: „Was ist ein Senator überhaupt?“) auf alles abfahren, was mit Fußball zu tun hat (Trainerbank, Tribünen, Tore), plädieren die Mädchen für Kletterseile und mehr Geräte. Gedaschko schmunzelnd: „Das war zu erwarten.“ Nicht alle Wünsche können erfüllt werden, doch die Kinder haben bald wieder einen attraktiven Ort, an dem sie sich austoben können. Gedaschko: „Solche Maßnahmen sind es, die ein Quartier für Familien lebenswert machen. Es zählen nicht allein glänzende Neubauten.“

Dass der Fantasie kaum Grenzen gesetzt sind, zeigt das zweite große Förderprojekt, das Gedaschko an diesem Nachmittag besucht. Mit großem Hallo empfangen ihn im Forum Altona die Schüler der achten Klassen der Theodor-Haubach-Schule, die dort gerade – vermittelt durch das Kulturwerk West – mit professionellen Schauspielern, Musikern und Bühnenbildnern den Theaterliederabend „Don Quichotte“ proben. „Ein Freund, ein guter Freund“, schmettern sie zur Begleitung am Klavier, und danach gibt es für den Politiker eine Kostprobe aus dem gemeinsam erarbeiteten Bühnenstück. Ausgewählt haben sie die Neuinterpretation des Popsongs „Sie sieht mich einfach nicht“, bei dem ein junger Mann schüchtern um die Aufmerksamkeit einer hübschen Mitschülerin buhlt. 94 000 Euro, schwerpunktmäßig für die Honorare der Profis, gibt der Senat, damit dieses Projekt möglich wird. Regisseurin Dania Hohmann: „Es ist spannend zu erleben, wie die Jugendlichen auftauen und beginnen, aus sich herauszugehen. In wenigen Wochen war eine sehr große Entwicklung feststellbar. Das ist fantastisch.“

Gedaschko hofft, dass die Schüler dabei auch ihr Deutsch verbessern. Ob das gelingt, will er als Premierengast des Stücks am 22. Juni überprüfen.

Text: Florian Kain