ältere Presse

20.09.2008 – Hamburger Abendblatt
Nachgeschaut

Nachgeschaut: Acht Tage Schule – was machen die Erstklässler?
Wie man ganz groß klein anfängt

Bei der Einschulung ist noch alles rosarot: Geschenke, eine bunte Schultüte mit vielen Süßigkeiten – und große Aufregung. Doch was kommt danach? Wenn der Schulalltag langsam einkehrt. Die Schüler sollen fürs Leben lernen und knüpfen mit ein bisschen Glück Freundschaften fürs Leben. Wohnt wirklich jedem Anfang ein Zauber inne? Ein Besuch in der Klasse 1b der Grundschule Thadenstraße.

Ein guter Tag für etwas Neues. Die Sonne steht hell am Himmel, die Luft ist klar. Es ist morgens, kurz vor acht. Drei, vier Nachzügler beeilen sich. Der Weg zum Klassenzimmer der 1b führt über den Schulhof, durch einen dunklen Gang in ein Backsteingebäude. Die Schüler laufen die Treppen hinauf, ihre Tornister scheinen ihnen nicht schwer auf den Schultern zu hängen. Es gibt noch keine Last zu tragen.

Ihre Worte und ihr Lachen hallen in dem Schulgebäude. Oben angekommen, klebt an einer Tür ein gelber Zettel, darauf steht „Klasse 1b“ und darunter „Frau Bangen“. Heute ist der achte Schultag seit der Einschulung. Die Schüler werden ihr erstes Wort schreiben und ohne es zu wissen eine neue Welt betreten.

Zehn Erstklässler, alle um die sechs Jahre alt, haben auf kleinen Stühlen und an niedrigen Tischen Platz genommen. Das ist wie immer, nur die Namen auf den Namensschildern ändern sich Jahr für Jahr mit der Mode. In diesem heißen die Kinder „Radmila“, „Leonardo“, „Mert“ und „Oskar“ oder tatsächlich „Lucie Star“. Im Regal drängen sich neue Buntstifte in Kaffeedosen. Fast alle Gegenstände sind beschriftet, „die Uhr“, „das Telefon“, „die Heizung“. In Groß- und Kleinbuchstaben. Noch können die Kinder sie nicht richtig lesen. Pinsel und Tuschkästen sind noch unberührt. Rechts in der Leseecke stehen drei Kisten mit Büchern. Ein Lehrerpult vor der Tafel gibt es nicht. Der Frontalunterricht gehört hier der Vergangenheit an.

Es ist jetzt 8.05 Uhr, und Ole weint. Ole ist ein kleiner blonder Junge. Er sitzt schon fast auf seinem Stuhl, klammert sich aber noch an seinen Vater, der ihn gebracht hat. Seine Eltern sind getrennt. Der Vater sagt zur Lehrerin: „Dann machen wir jetzt kurzen Prozess?“ – mehr eine Frage. Sie nickt. Und er löst sich von seinem Kind und setzt es auf seinen Stuhl. Ole bekommt einen Heulkrampf, nicht laut, aber für alle zu sehen. Ulla Bangen, die Klassenlehrerin der 1b, setzt sich neben ihn, während der Vater durch die Tür verschwindet. Hier ist sie jetzt zuständig, für die nächsten fünf Stunden. Sie sagt beruhigende Worte und: „Wenn du jetzt weinst Ole, dann werden die anderen Kinder auch traurig. Dann wollen alle wieder nach Hause.“ Der kleine Junge sammelt sich. Es geht schon wieder. Alle sitzen. Werden ruhig.

Der erste Punkt des Tages ist der Stuhlkreis. Die Kinder nehmen ihre Stühle, bilden einen Kreis. Ole darf sich neben die Lehrerin setzen. Dafür muss Yllza, ein zierliches Mädchen, einen Platz weiter rücken. Sie singen: „Hej, Hello, Bonjour …“, Begrüßungen in sechs Sprachen. Das Lied können die Kinder schon auswendig. Ulla Bangen fragt: „Wer ist heute das Kind des Tages?“ und "Wer von euch möchte auf den Plan schauen?" Oskar ist das Kind des Tages. Er freut sich sehr. Obwohl das Kind des Tages eigentlich mehr tun muss als die anderen, es muss an der Tafel Häkchen hinter die erledigten Tagespunkte setzten. Morgen ist jemand anderes dran.

Die zehn Kinder in der Runde bilden nur die erste Hälfte der Klasse. Insgesamt sind es 21 Kinder, die zweite Hälfte kommt um zehn Uhr, dann haben sie zusammen noch eine halbe Stunde Unterricht, und die erste Gruppe geht in die Betreuung. Bis zum Oktober dauert diese Eingewöhnungsphase in zwei Gruppen noch an. Dann haben sie alle zusammen Unterricht.

Frau Bangen gibt einen Stoffball an eines der Kinder weiter. Das Kind, das den Ball in den Händen hält, darf erzählen, was es gestern gemacht hat. Manche Kinder geben den Ball wortlos weiter. Aylin erzählt, dass sie gestern mit ihrer Oma Eis essen war.

Seher, ein anderes Mädchen, das sich gern damit rühmt immer alles zu bekommen, berichtet von einem Flohmarkt. „Meine Mama hat mir alles gekauft. Meine Tante fand das nicht gut. Aber meine Mutter macht das immer.“ Als der Ball wieder bei Frau Bangen landet, erzählt die Lehrerin, wie sie sich beim Brotschneiden in den Finger geschnitten hat. Leonardo fragt, ob es weh getan hat. Das wird von den anderen Kindern zum Anlass genommen, sich gegenseitig ihre Verletzungen zu zeigen. Die Schramme am Knie vom Sturz von der Schaukel letztes Jahr. Narben, wie sie jedes Kind hat und die für immer bleiben. Noch nutzen die Kinder jede Gelegenheit, um sich abzulenken. Lerndruck spüren sie noch nicht.

Zählen ist dran. Sie singen „Meine Hand hat viele Finger“. Dann legt Frau Bangen runde blaue Scheiben auf den Tisch. Die Kinder zählen acht. Dann darf jedes Kind eine beliebige Anzahl umdrehen, sodass die rote Seite oben liegt. „Wie viele blaue und rote Scheiben liegen nun auf dem Tisch?“, fragt sie. Drei Kinder reißen den Arm hoch. Bevor Frau Bangen jemanden auffordern kann, platzt aus Seher die Antwort heraus. Ohne dass sie sich gemeldet hätte. Seher hat sich in den ersten Schultagen oft den Anordnungen ihrer Lehrerin widersetzt. Benutzt Filzstifte, obwohl alle anderen mit Buntstiften malen. Steht auf, wenn sie sitzen soll. Sagt „Nein“, wenn man sie um etwas bittet.

Die Kinder sollen jetzt jeder etwas für sich allein machen, sie schieben ihre Stühle an die Tische zurück. Leonardo und Oskar sitzen nebeneinander. Die beiden Freunde überlegen. In der Pause könnten sie wieder Polizei spielen. Jetzt sollen sie aber lernen, eine „4“ zu schreiben. Frau Bangen hat eine Rolle Papier auf dem Boden ausgelegt und verteilt bunte Wachsstifte. Nachdem sie es an der Tafel vorgemacht hat, „du musst den Stift oben links ansetzen“, bittet sie die Kinder nach vorn. Gebückt hocken sie in einer Reihe auf den Knien und malen die Zahl. Die Stimmen gehen durcheinander. Nur Ole hat noch nichts gesagt. Er hört lieber zu. Er ist der Stille der Klasse. Jeder hat hier seine Rolle. Der Mikrokosmos der Gesellschaft im Klassenzimmer.

Die Aufgabe ist beendet. Zurück an ihren Plätzen legt ein Kind nach dem anderen den rechten Zeigefinger an die Lippen. Den linken Arm halten sie hoch. Ein Ritual. Allmählich kehrt wieder Ruhe ein. Nun folgt der vorläufige Höhepunkt des Tages. Loni und Schreiben.

Loni ist eine Ente. Eine Figur aus ihrem Schulbuch, die sie nun das ganze Jahr über begleiten wird. „So, nun erzähle ich euch die erste Loni-Geschichte“, sagt die Lehrerin. Vor ihr auf dem Boden liegt ein blaues Tuch, eine Seelandschaft, und in ihrer Hand hält sie eine Stoffente. Die Kinder hören gespannt zu, wie die Ente davon träumt, wie die älteren Enten über einen See zu schwimmen. Alle sind ganz still. Einige Kinder sind vor Spannung auf die Stuhlkante vorgerückt. Als die Geschichte zu Ende ist, sagt die Lehrerin: „Und jetzt versuchen wir, 'Loni' zu schreiben.“ Sie stellt sich an die Tafel und zeigt auf eine gezeichnete Ente. „Mit welchem Buchstaben fängt das Wort an? Was hörst du“, fragt die Lehrerin. Einige Kinder formen mit ihrer Zunge ein „L“. „Ole, der Buchstabe kommt auch in deinem Namen vor“, sagt die Lehrerin. Der Kleine, der sich inzwischen beruhigt hat, geht an die Tafel und schreibt den ersten Buchstaben. „L“. Dann folgt das „O“, das „N“, das Seher schreiben darf, und das „I“ von Leonardo, der vorher noch fragt, ob mit Punkt auf dem „i“ oder ohne. Leonardo zeigt gern, was er schon alles weiß. Danach soll jeder eine Szene aus der Geschichte malen und noch einmal für sich, in die neue blaue Arbeitsmappe „Loni“ schreiben. Alle malen und schreiben ganz nebenbei ihr erstes Wort. Sie können jetzt schreiben. Handwerkszeug.

Danach ist Frühstückspause. Frau Bangen hat eine Melone aufgeschnitten und reicht Apfelstücke. Ole, der gerade in seinen eigenen Apfel beißt, nimmt sich auch ein Stück und legt es in seine Brotdose. Für später. Die gemeinsame Frühstückspause ist auch dazu da, zu kontrollieren, ob alle Kinder etwas zu essen haben. Und dass sie essen. Denn einen Schulkiosk gibt es in der Grundschule Thadenstraße nicht.

Etwas mehr als eine Woche liegt die Einschulung zurück. Die erste Anspannung bei den Kindern hat nachgelassen. „Sie fangen an, sich einzurichten“, sagt Bangen, während die Kinder essen. Ihre Brote liegen in bunten Frühstücksdosen. Einige, wie Leonardo, essen Vollkornbrot mit Schinken, andere weißes Toastbrot mit Käse. Aber alle haben auch klein geschnittenes Gemüse dabei. Schokolade oder andere Süßigkeiten geben die Brotdosen nicht her. Darauf wird geachtet. Seit 22 Jahren arbeitet Ulla Bangen als Lehrerin. Deutsch und Kunst hat sie studiert. Im Moment unterrichtet sie alles. „Viele Kinder sind gut auf die Schule vorbereitet“, sagt sie. Und ist immer noch beeindruckt davon, wie flink gerade alle angefangen haben zu schreiben. Das sei ein Meilenstein im Leben eines Kindes. Das erste Erwachen, der Zugang zum Wissen. „In der nächsten Woche“, sagt sie, „werden sie schon ganze Sätze schreiben können.“

Nach dem Frühstück folgt die nächste Unterrichtseinheit. Einige der Erstklässler werden müde. Die Aufmerksamkeit lässt nach. Aylin sagt: „Ich möchte nach Hause.“ Die Lehrerin vertröstet sie, sagt, dass gleich Pause ist. „Ich will aber nicht in die Pause, sondern nach Hause“, ist Aylins Antwort, und Emre betritt den Raum. Der Junge ist eine Stunde zu früh. Seine Gruppe fängt erst um zehn Uhr an. Er lebt zusammen mit seinen Geschwistern bei seinen Großeltern. Obwohl er vielleicht manchmal zu früh gebracht wird oder länger in der Betreuung bleibt, ist Frau Bangen mit ihm sehr zufrieden. Fast mütterlich erklärt sie ihm, was er jetzt tun kann. Er darf eine Übung mit einer Buchstabentabelle machen. Es klingelt zur Pause. Oskar ruft: „Yes.“ Alle laufen zum Spielen auf den Hof. Endlich. Auch wie immer.

Das Büro des Schuldirektors Thomas Niklas liegt in einem anderen Gebäudetrakt. Niklas ist 40 Jahre alt, trägt Jeans und einen grün-gestreiften Pullover. Anzüge wie im Film „Die Feuerzangenbowle“ tragen die Lehrer hier nicht. Niklas wirkt eher wie der Typ Lehrer aus dem „Fliegenden Klassenzimmer“. Dynamisch, sportlich. Er ist jünger als der Durchschnitt der Lehrer an seiner Schule. Die 24 Lehrer haben ein Durchschnittsalter von 45 Jahren. 2004 lag es noch bei 58,9 Jahren. „Personalentwicklung ist eine meiner Hauptaufgaben“, sagt Niklas. Seitdem das Prinzip der selbstverantworteten Schule von der Schulbehörde vorgegeben wurde, haben die Schulleiter Aufgaben, die mehr der Tätigkeit eines Managers entsprechen. Niklas spricht über „Change“ und „Projekt Management“, zeigt Konzepte und Flyer seiner Schule, die deutlich machen sollen, wo seine Schule steht. „Wir verstehen uns als Teil des Stadtteils. Wir wollen offen sein und die Heterogenität von St. Pauli spiegeln.“ 50 Prozent seiner Schüler haben einen Migrationshintergrund. Es gibt Kinder von Anwälten, Ärzten, Kreativen, Angestellten und Arbeitern an seiner Schule. „Ein individueller Unterricht ist daher unbedingt nötig, der sich nach den Fähigkeiten und Unterschieden der Schüler ausrichtet.“ Frau Bangen sei eine Lehrerin, die dieses Prinzip in ihrem Unterricht mustergültig umsetze. Und gerade für eine erste Klasse sei die Förderung des Einzelnen wichtig. „Damit der Übergang vom Kindergartenkind zum Schulkind reibungslos abläuft und kein Kind hintenan bleibt.“ Das Konzept des Lernens in zwei Gruppen sei dabei elementar, „und die Entschleunigung trägt später Früchte, weil alle Kinder so die Grundlagen beherrschen.“ Die Erstklässler lernen, sich zu organisieren und selbstständig zu arbeiten. Niklas beschreibt das so. „Bislang haben die Kinder informell gelernt, jetzt wird daraus formales Lernen.“ Das Wichtigste sei aber, dass es den Schülern gut gehe.

Nach einer halben Stunde klingelt es dreimal. Nach und nach kommen die Kinder abgekämpft wieder zurück in den Klassenraum. Die zweite Gruppe ist ebenfalls eingetroffen. Alle stellen ihre Stühle im Kreis auf. Zwei Plätze bleiben leer. Seher und Ayse fehlen. Aylin und Gülsah laufen noch mal los, um die beiden zu suchen. Nach einer Weile kommt Aylin mit einer Botschaft von Seher wieder: Sie liebe die Pause doch so und will noch schaukeln. Frau Bangen schickt Aylin noch einmal los. Zu viert kommen sie zurück.

Sie spielen ein Namenspiel. Die Kinder müssen sagen, wie sie heißen. Auf einmal fangen alle an zu lachen. Einem Mädchen ist der Rock hochgerutscht, und man sieht die Unterhose. Frau Bangen sagt, die Kinder sollen mal schauen, ob Carla das auch lustig findet, wenn man über sie lacht. Radmila sagt: „Es ist kein schönes Gefühl, ausgelacht zu werden.“ Das Mädchen mit den langen schwarzen Haaren ist die Einfühlsame, die Soziale der Klasse. Aylin entschuldigt sich bei Carla. Alles wieder gut im Mikrokosmos.

Dann darf die erste Gruppe nach Hause oder in die Betreuung gehen. Emre zieht die Hausschuhe aus und die Jacke an. Als er seinen Ranzen nimmt, fragt ihn Frau Bangen, wo er hinwolle. „Ich gehe in die Betreuung“, sagt der Junge. Dass er noch Unterricht hat, davon will er nichts hören. Er sagt: „Ich bin doch schon so lange da.“ „Das glaubst du vielleicht“, sagt Frau Bangen. Die erste Gruppe geht, Emre bleibt. Nicht weil es ihnen ihre Vernunft sagt oder ihr Gefühl für die Zeit, sondern weil die Lehrerin es so möchte.

Und am nächsten Tag, wieder Sonne, wieder klare Luft, wieder viel Neues, ist Emre derjenige, der den ersten Satz der Klasse schreibt: „Loni ist im See.“

 

erschienen am 20.10.2008

Text: Anne Dewitz und Diana Zinkler